Greven, St. Josef und St. Martinus, 18. August
20. Sonntag i. Jk 2024
Einführung
Die Gebete seines Volkes, die Psalmen – die hat auch Jesus gekannt. Wie hat er sie geliebt? Was haben sie ihm gesagt? Wie klingen sie, wenn er sie uns anböte?
Mit ihm, Jesus, sind wir verbunden – so wie er sich an ihn wendet, an seinen Vater und unsern Vater (vgl. Johannes 20,17). Und dann zu ihm sagt:
„Gott, wie köstlich ist deine Huld! Die Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel, / sie laben sich am Reichtum deines Hauses; / du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen. / Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, / in deinem Licht schauen wir das Licht“ (Psalm 36,8-10).
Predigt (Sprichwörter 9,1-6; Epheser 5,15-20; Johannes 6,51-58)
Einatmen, Ausatmen. Diese Grundbewegung unseres Lebens – wer anders hätte sie uns geben, überlassen können als unser Schöpfer! Einatmen. Ausatmen: Darin begegnet er uns – auch wenn wir ihn nicht wahrnehmen können – und begreifen schon gar nicht.
Mit unserm Verstand sind wir Menschen zwar mittlerweile bis in die feinsten Verästelungen unseres Erbgutes vorgedrungen. Winzige Bausteine wurden entdeckt, sogar die allerkleinsten, die Gene. Jetzt wissen wir: Eine große Zahl von ihnen, 23.000 Gene, bilden die Basis unseres menschlichen Daseins. Im Jahr 2001 ist es nach gut zehnjähriger Arbeit gelungen, dieses Grundmuster, so wunderbar komplex wie es ist, zu entschlüsseln.
Aber der Geistes-Atem, der überhaupt Leben gibt, auch unser Leben – ihn kann unser Verstand nicht begreifen, nicht ergründen. Glücklicherweise bezeugt jedoch er, dieser Hauch, sich selbst, auf seine Weise. Das ereignet sich in dem, was dieses Wehen des Lebenshauchs in uns tut und lässt. Gottes Kraft offenbart sich uns in ihren Wirkungen, und darin, wie wir all das erfahren. So kann unser Lebensweg entstehen. Füße gehen von Schritt zu Schritt. Händen fassen zu und lassen los. Ein Lächeln erscheint, oder ein Weinen. Und ganz bald ist dann auch der besorgte Finger zur Stelle, der sich der Träne annimmt.
Auch wenn das oft gebrauchte Sprichwort anderer Meinung ist: Essen und Trinken allein schaffen es nicht, Leib und Seele zusammenzuhalten. Die Grundnahrungsmittel für uns Menschen sind, noch elementarer, Lebensatem und Geisteskraft. Und die entfalten ihre wirkliche, ihre volle Stärke erst dann, wenn wir Einzelne nicht Einzelne bleiben. Was Lebensatem und Geisteskraft können, wozu sie gut sind, – das erfahren wir erst dann, wenn wir uns im Teilen zusammentun. Da begegnet uns Gottes Großzügigkeit, die uns alles schenkt – zu unserm Wohl, zu unserm Heil.
In unserer ersten Lesung erscheint großzügige Freigebigkeit in einer Frau. Sie, Frau Weisheit, lädt ein, möchte sich besonders der Unerfahrenen und Unwissenden annehmen. Ihnen vor allem bietet sie ihren Reichtum an, alles, was ihr zur Verfügung steht. Und darin, und darüber hinaus, sich selbst.
Übrigens: Unsere christliche Freude über Maria, die Mutter Jesu – die geht darauf zurück, wie die jüdische Spiritualität sich wundert und begeistert über Frau Weisheit.
Das Gebet- und Gesangbuch meiner Mutter aus dem Jahr 1955 – im nächsten Jahr wird es siebzig. Gut, dass ich es noch habe! Dort fand ich die Verse wieder, ein Gedicht über Maria, nein vor allem für sie. Es wird „Die Lauretanische Litanei“ genannt, ist in meinem alten, abgenutzten Buch sogar zweisprachig abgedruckt, deutsch und lateinisch. Fast fünfhundert Jahre ist sie alt, diese hochpoetische Hymne zur Großen Frau unseres Glaubens. So besonders dieses Gebet ist: Ich verstehe, dass heutzutage kaum noch jemand diese Anrufungen kennt, betet oder singt. Das tut ich auch nicht. Aber trotzdem: Die fast fünfzig Aussagen über Maria in ihrer oft überschwänglichen Inbrunst haben mich schon als Kind eigenartig berührt – sicher auch, seit ich hier auf unserm Grevener Gymnasium Gefallen fand an meiner ersten Fremdsprache, Latein. Gern verglich ich die beiden Fassungen miteinander. Fünf Anrufungen habe ich ausgewählt, möchte sie hier jetzt nennen – auch wieder im deutsch-lateinischen Zweiklang.
„Du Mutter der göttlichen Gnade“ / „Mater divinae gratiae“
„Du Morgenstern“ / „Stella matutina“
„Du geheimnisvolle Rose“ / „Rosa Mystica“
„Du Ursache unserer Freude“ / „Causa nostrae laetitiae“
„Du Trösterin der Betrübten“ / „Consolatrix afflictorum“
Wie im Deutschen ist auch in anderen Sprachen das Wort für „Weisheit“ weiblich. Auch deshalb liegt es nahe, sie als Frau zu sehen – faszinierend, wunderbar schön. In der ersten Lesung ist sie heute auch auf uns als Gastgeberin zugekommen, heiter und großzügig. Gerade Unerfahrene und Unwissende sollen den Weg der Einsicht finden, und auf ihm neuen Zugang zu Erfüllung und Glück.
Frau Weisheit – sicher freut sie sich über eine Entwicklung, die in letzter Zeit rund um unsern Globus stärker wird. Immer mehr Menschen, auch Männer, versprechen sich viel davon, wenn hohe und höchste Ämter in Politik, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften auch Frauen anvertraut werden. Da sollten die Männer ruhig mal Platz machen, vielleicht sogar eine Zeitlang pausieren.
Ein weiser Mann – ja, die gibt es auch! – ein weiser Mann, Meister Eckhart, sagte vor achthundert Jahren: Jeder Mensch kann „ein Himmel sein, in dem Gott wohnt“ (Predigt 61). Wer das möchte – wenn auch vielleicht nur schwach und zaghaft – wer das möchte, „ein Himmel sein, in dem Gott wohnt“ – der vollzieht damit die entscheidende Umkehr zu dieser Zukunft: Himmel – für alle und für die ganze Schöpfung.
In Jesus ist der Himmel aufgegangen, in dem Gott wohnt. Ihn empfangen wir an seinem Tisch, in Brot und Wein. Wie Jesus Nahrung sein für das Leben der Welt, für alle Wesen – diese Sehnsucht lebt auch in uns. Je mehr wir uns ihr überlassen, gehen wir auf im Heil der Welt, zu dem wir beitragen.
Jeder Mensch kann ein Himmel sein, in dem Gott wohnt.
Herzlichen Glückwunsch!
Heinz-Georg Surmund